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Servicezeit: Mit Ernährung gegen Krebs?

Mittwoch, 10. September 2014, 18.20 - 18.50 Uhr
 
 
  • Mittwoch, 10. September 2014, 18.20 - 18.50 Uhr
  • Donnerstag, 11. September 2014, 13.00 - 13.30 Uhr (Wdh.)

Mit einer speziellen Diät den Tumor besiegen – kann das gelingen? Unwahrscheinlich. Allerdings sehen Wissenschaftler Hinweise darauf, dass eine stark kohlenhydratreduzierte Kost dazu beitragen kann, Tumorzellen in ihrem Wachstum auszubremsen. Eine solche Ernährungsweise nennt sich ketogene Diät. An der Rehaklinik Am Kurpark in Bad Kissingen versuchen Forscher in einer Studie zu klären, ob diese Diät wirklich hilft.

Tumorzellen brauchen Zucker

Gesunde Zellen gewinnen ihre Energie sowohl aus Zucker als auch aus Proteinen oder Fett. Krebszellen dagegen können nur Zucker verwerten. Den verbrennen sie aber nicht, sie vergären ihn. Es entsteht Milchsäure, die umliegendes Gewebe schädigen kann. Der Krebs breitet sich aus. Bei der Vergärung wird ein Vielfaches an Zucker verbraucht. Tumoren sind demzufolge extrem zuckerhungrig. Und genau hier liegt die Chance, so zumindest die theoretische Überlegung einiger Wissenschaftler: Reduziert man die Zufuhr von Zucker in der Nahrung, so werden die gesunden Zellen weiter über Fett und Proteine ernährt. Die Krebszellen aber werden in ihrem Wachstum gebremst.


Grafik: Krebszellen fressen Zucker
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Die Krebszellen breiten sich mithilfe von Zucker im Körper aus.

Die Ketose – was im Körper passiert

Lässt man stärke- und zuckerhaltige Nahrungsmittel weitgehend weg, schaltet der Körper auf Fettstoffwechsel um: Die Leber bildet aus Nahrungs- und Körperfett sogenannte Ketone. Man sagt, der Körper ist in Ketose. Die Ketone können von den meisten gesunden Zellen und vom Gehirn durch Zellatmung als Energielieferant verwertet werden. Tumorzellen dagegen können mit Ketonen nichts anfangen.

Die Ketose ist ein natürlicher Zustand, in dem der Körper theoretisch über viele Wochen ohne Nahrungsaufnahme überleben kann. Schließlich bestehen die Energiereserven in unserem Körper überwiegend aus Platz sparendem Fett. Wann der Körper in Ketose umschaltet, ist individuell verschieden. Die meisten Menschen müssen hierfür die Aufnahme von Kohlenhydraten auf unter 50 bis 20 Gramm pro Tag reduzieren.

Ketogene Ernährung – was sie bei Krebs bringt

Hilft die ketogene Ernährung tatsächlich gegen Krebs? In Medizin und Wissenschaft vermag dies noch niemand mit Sicherheit zu sagen. Immerhin: Bei Versuchen mit Mäusen stellte sich heraus, dass solche Tiere länger mit ihrem Tumor lebten, die ketogen ernährt wurden. Bei Krebspatienten gibt es zumindest Hinweise darauf, dass sie von einer ketogenen Ernährung profitieren können. Es wurde vielfach beobachtet, dass Patienten, die sich fettreich und kohlenhydratarm ernähren, weniger abmagern. Anderseits ist klar: die Vorstellung, dass sich der Krebs „aushungern“ lässt, ist zu simpel und schlicht falsch. Denn schließlich produziert der Körper geringe Mengen an Zucker selbst, auch wenn über die Nahrung keine Kohlenhydrate aufgenommen werden.

Klinische Studien sind bislang rar. An der Rehaklinik Am Kurpark in Bad Kissingen wird das Ernährungskonzept derzeit in einer ersten Patientenstudie auf seine Wirksamkeit überprüft. Seit September 2013 testen Patientinnen mit Brustkrebs drei verschiedene Ernährungsformen und den Einfluss auf ihre körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Es sind dies die ketogene Diät, eine moderat kohlenhydratreduzierte Diät und eine vollwertige Mischkost, nach Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Die Umstellung auf die unterschiedlichen Kostformen erfolgt während einer Rehabilitation. Die Frauen, die sich für die ketogene Ernährungsform entschieden haben, werden unter anderem in der Lehrküche von einer Ernährungsberaterin entsprechend geschult. Während der Studie stehen sie ständig unter medizinischer Beobachtung.


drei Frauen mit Mann in einer Lehrküche beim Kochen
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Im Kurpark wird die ketogene Ernährung als Therapie getestet und den Patienten auch entsprechendes Koch-Know-how vermittelt.

Ergebnisse kann die Studie noch nicht liefern. Zumindest aber, so sagt die Studienleiterin Prof. Dr. Monika Reuß-Borst, zeichnet sich ab, dass die ketogene Ernährungsweise für die Patienten in der Praxis durchführbar ist. Ganz gleich wie positiv die Ergebnisse der Studie ausfallen werden, eines ist klar: Eine ketogene Diät kann bestenfalls eine Ergänzung zu anderen therapeutischen Maßnahmen wie Chemotherapie sein.

Viel Fett wenig Kohlenhydrate – ist das nicht ungesund?

Keine Frage, die Ernährungsweise ist gewöhnungsbedürftig: Kohlenhydrathaltige Lebensmittel wie Brot, Nudeln oder auch Kartoffeln sind weitgehend tabu. Stattdessen gibt es reichlich grünes Gemüse, Nüsse, Eier aber auch Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Bis zu 80 Prozent der täglichen Kalorien kommen bei der ketogenen Ernährung aus Fetten. Dabei kommt es auf das richtige Fett an.

Meiden sollte man unbedingt Produkte, die viele Transfettsäuren enthalten können: Fertigprodukte, Margarine oder Frittiertes. Aber auch pflanzliche Öle, die viele Omega-6-Fettsäuren enthalten, sollten sparsam verwendet werden. Dazu zählt unter anderem das gebräuchliche Sonnenblumenöl.

Günstig für die Keto-Küche sind Öle mit vielen einfach ungesättigten Fettsäuren, zum Beispiel aus Avocado, Oliven oder Mandeln. Wichtig ist darüber hinaus, dem Körper genügend Omega-3-Fettsäuren zuzuführen. Sie sind besonders in fettem Fisch enthalten, aber auch in pflanzlichen Ölen wie Leinöl, Hanföl oder Walnussöl.

Fazit

Manche Krebspatienten können möglicherweise von einer ketogenen Ernährungsweise profitieren. Dabei wird die Aufnahme von Kohlehydraten, also von stärke- und zuckerhaltigen Lebensmitteln, bis auf ein Minimum von 50 bis 20 Gramm pro Tag reduziert. Krebspatienten, die sich für eine ketogene Diät entscheiden, sollten unbedingt mit ihrem Arzt darüber sprechen und sich regelmäßig untersuchen lassen.


Wurstaufschnitt auf einem Teller mit Deko
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Ketogene Ernährung kann schmackhaft sein und tut vielen Menschen gut.

Die ketogene Diät ist kein Wundermittel gegen Krebs. Bestenfalls kann sie ergänzend zu Chemotherapie, Bestrahlungen oder anderen therapeutischen Maßnahmen eingesetzt werden. Ersetzen kann sie diese in keinem Fall. Letztlich ist die Wirksamkeit der ketogenen Diät noch nicht umfassend erforscht. Es gibt einzelne Hinweise darauf, dass Krebspatienten davon profitieren können. Nicht zuletzt gibt es einige Krebspatienten, die sich für eine ketogene Ernährungsweise entschieden haben. Viele von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen die ketogene Kost nicht nur subjektiv gut tut, sondern auch richtig gut schmeckt.

Buchtipps:

Ulrike Kämmerer, Christina Schlatterer, Gerd Knoll
Krebszellen lieben Zucker
Patienten brauchen Fett

Systemed, 2012
ISBN 9783927372900
Preis: 24,99 Euro

Ulrike Gonder, Anja Leitz
Keto Küche kennenlernen
Die ketogene Ernährung in Theorie und Praxis

Systemed, 2014
ISBN 9783942772808
Preis: 7,99 Euro

Michael Iatroudakis
Die Ketogene Diät: Essen ohne Kohlenhydrate
Gewichtsreduktion (Abnehmen), Krebstherapie, Epilepsie, Alzheimerprävention

CreateSpace Independent Publishing Platform, 2014
ISBN 9781494867362
Preis: 7,99 Euro

Christina Schlatterer, Gerd Knoll, Ulrike Kämmerer
Ketogene Ernährung bei Krebs
Die besten Lebensmittel bei Tumorerkrankungen

Systemed, 2014
ISBN 9783942772433
Preis: 14,99 Euro

Autorin: Sybille Schultz

Stand: 10.09.2014, 10.00 Uhr